Ich bin Stromer, ja. Manche sind Maler/in, Maurer/in oder Lüftungsanlagebauer/in.
Aber jeden Tag auf der Baustelle erfinden wir etwas Neues –kleine Lösungen, die es gestern
noch nicht gab und die uns heute die Arbeit erleichtert.
An diesem Tag stand ich vor einem scheinbar einfachen Auftrag: Eine Steckdose Montage. Die Montageplatte sollte am Ende bündig, stabil und perfekt ausgerichtet in der Wand sitzen.
Eigentlich eine Routinearbeit.
Doch auf einer Baustelle sind es oft die kleinen Dinge, die zur Herausforderung werden.
Auf dieser Abbildung ist das Problem schnell erkennbar.



- Der Verputz rund um die bereit in den Beton eingelegte Unterputzdose war uneben
ausgeführt. - Überhöhungen und Vertiefungen verhinderten, dass die Montageplatte plan an der
Wand anliegen konnte.
Hätte ich sie einfach verschraubt, wäre sie wie auf dem Bild, verspannt gewesen – leicht schief, nicht sauber horizontal, technisch zwar befestigt, aber nicht fachgerecht ausgerichtet. Mir war dann klar, so montieren kann man nicht.
Also ließ ich zuerst meinen Kopf anstatt meiner Schraubenzieher arbeiten. Die Chefs auf der Baustelle haben
es nicht gerne, wenn man sagt, ich bin am Nachdenken. Einfach dastehen und sich Gedanken machen: Wie kann ich trotz unebenem Untergrund eine plane Auflage schaffen? Geht das?
Wie erreiche ich eine korrekte Montage, ohne den mangelhaften Putz zu verändern? Oder soll ich einfach diese
Steckdose, um Zeit zu gewinnen überspringen? Am Bauleiter melden und erst in ein paar Tage wieder kommen?
Die Lösung bestand darin, mit vier Schrauben eine einstellbare Auflageebene durch kontrolliertes Ein- und
Herausdrehen der Schrauben zu schaffen. Keine Gewalt gegen das Material. Keine provisorische Improvisation. Sondern eine gezielte Justierung. Mit der Wasserwaage kontrollierte ich die horizontale Ausrichtung. Ich korrigierte nicht den Putz, sondern die Ebene.

Diese Lösung ersetzt nicht die spätere Nacharbeit des Maurers. Aber sie ermöglicht gerade jetzt eine saubere, stabile und exakt ausgerichtete Montage der Steckdoseplatte – so, wie sie technisch, und optisch sein muss.
Man könnte sagen: „Das ist doch nichts Besonderes.“ „Darauf hätte jeder kommen können.“
Vielleicht. Doch genau das bedeutet für mich, erfinderisch zu sein: Eine konkrete und verantwortungsvolle Lösung für ein konkretes Problem zu finden. Kein Spektakel, sondern solides Fachwissen kombiniert mit Kreativität.
Auf einer Baustelle ist Erfindungsgeist kein Spiel. Es ist eine berufliche Kompetenz.
Eine Methode an die jeweiligen Umstände anzupassen, ohne Sicherheit oder Regeln zu vernachlässigen.
Also ja, ich bin Stromer.
Aber heute habe ich wie ein Erfinder gedacht.
Für Außenstehende wird es nur eine gerade montierte Steckdose.
Für mich ist es das Ergebnis von Willen, Anpassung und handwerklicher Intelligenz.
Und genau darin liegt der Erfindergeist im Handwerk:
Doch im Grunde beschränkte sich diese Erfindungsgabe nicht nur auf Schrauben und Metall. Man konnte auch im Miteinander erfinden – in der Art, wie wir zusammenarbeiteten, wie wir miteinander sprechen und sich gegenseitig schätzen, wie wir einander verziehen, wenn etwas nicht so funktionierte wie geplant.
Man konnte neue Wege finden, sich auf der Baustelle –gegenseitig zu unterstützen.
Jeden Tag haben wir die Möglichkeit, Erfinder zu sein.
Nicht großer Sensationen, sondern kleiner Lösungen.
Nicht spektakulärer Taten, sondern präziser Handgriffe.
Nicht nur funktionierender Technik, sondern menschlicherer Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens.
Meine Erfindung wird in keinem Lehrbuch stehen. Die sauber befestigte Montage platte wird in keinem Museum ausgestellt. Für den Bauleiter ist es einfach eine sauber ausgeführte Arbeit.
Für mich jedoch war es ein Beispiel dafür, wie Fachwissen, Anpassungsfähigkeit und klare
Überlegung zusammenwirken.
Text: Roland Ouba